„Von Klezmer bis Frei“ – mein erstes Online Konzert „Auffe Couch“

Es ist immer noch Coronazeit!

Doch kürzlich habe ich das junge pfiffige Team von LTSE – Veranstaltungstechnik kennengelernt.
Ihr Onlinekonzert – Format „Auffe Couch“ hatte mich überzeugt.

Hier stelle ich nun alle meine drei Klarinetten

  • die B – Klarinette,
  • das Bassetthorn und
  • die Bassklarinette

musikalisch, improvisatorisch vor.

Das Konzert könnte auch heißen: „Von Klezmer bis Frei“

Ich wünsche viel Vergnügen

Reinald Noisten

Bassetthorn – Krisen sind Zeiten zur Veränderung

Noch immer ist Corona-Zeit

Seit Mitte März 2020 sind wir Musiker praktisch in einem Dauer-Lockdown. Das heißt für uns, keine Konzerte und keine Einnahmen. Nach der Produktion der CD „Klezmer Pastorale“ mit meiner Band „Ensemble Noisten“ im Mai 2020 ließ ich meine Klarinetten generalüberholen. Als ich meine Instrumente im Topzustand wieder abholte, erzählte mir mein Instrumentenbauer, er habe ein neues Bassetthorn in Arbeit. Ich war interessiert. Noch nie hatte ich ein Bassetthorn in der Hand gehabt, geschweige denn geblasen.

Ende Dezember 2020 war es dann soweit und ich konnte das fertige Instrument abholen. Ich war von Klang und Handhabung so inspiriert, dass ich unter Einbeziehung aller knappen, finanziellen Möglichkeiten, dieses Bassetthorn gerade jetzt erworben habe. Seitdem probiere ich es hoch motiviert aus. Ich brenne auf den Neustart der Kultur; ich brenne darauf, auch neben meiner Klarinette und Bassklarinette mit meinem neuen Instrument tolle Konzerte zu spielen. Krisen erfordern Mut.

Bassetthorn – Stimmlage, Stimmung, Tonumfang

Das Bassetthorn, erstmals erbaut um 1760, ist ein Instrument der Klarinettenfamilie. Diese umfasst die Es-, Bb- und A- Klarinette, sowie das Bassetthorn, die Bass- und die Kontrabassklarinette. Stimmlich liegt das Bassetthorn zwischen Bb- (Sopranstimme) und Bassklarinette. Man könnte sie auch als Altklarinette bezeichnen.

Gestimmt ist das Bassetthorn auf dem Ton F, das heißt: Das F des Bassetthorns klingt wie das C auf dem Klavier. Diese Information ist zum einen entscheidend, um die einzelnen Töne auf den Klappen der Klarinetten-Applikatur wieder zu finden, zum anderen ist sie bedeutend für das Zusammenspiel mit Band oder Orchester. Der Tonumfang des Bassetthorns reicht notiert (auf die Notation bezogen) vom kleinen C bis zum viergestrichenen D, real (auf das Instrument bezogen) vom großen F bis zum dreigestrichenen G. Er umfasst also vier Oktaven plus einen Ton.

Bassetthorn – Wortstamm

Woher kommt die Bezeichnung Bassetthorn?
Lassen Sie uns die Wörter „Bassett“ und „Horn“ getrennt voneinander betrachten. Das Wort „Bassett“ kommt aus dem italienischen und heißt „ein bisschen Bass oder kleiner Bass (Bässchen). Zur Bezeichnung „Horn“ gibt es mehrere Theorien:

– Die frühesten Bassetthörner waren wie ein Horn halbkreisförmig gebogen,
– mit Leder umwickelt wie das Jagdhorn oder Zink,
– ihr Klang erinnert in der Tiefe an ein Horn.


Bassetthorn: Geschichtliche Einordnung und Klang

Das wohl berühmteste und für mich wunderbarste Klarinettenkonzert der Klassischen Musik ist und bleibt das Klarinettenkonzert A – Dur KV 622 von W. A. Mozart (1756 – 1791). Doch komponiert hat er es eigentlich nicht für die Klarinette, sondern für das Bassetthorn.

Mozart liebte das Bassetthorn, er liebte den dunklen, melancholischen fast mystischen Klang, war ergriffen von seinem zarten Timbre, gleich der menschlichen Stimme. Dies liegt vor allem an der klarinettentypischen Bohrung, die im Verhältnis zur Länge des Instruments dann doch extrem eng wirkt. Dennoch fand das Instrument nicht den Weg ins Sinfonie-Orchester des 19. Jahrhunderts. Der Grund: Die technische Weiterentwicklung des Bassetthorns hielt nicht recht Schritt mit dem Gang der Geschichte. Seine Ansprache war noch launischer, die Intonationsprobleme waren noch größer als bei der Klarinette. Das Instrument galt als verhältnismäßig schwer zu greifen, weil die ständig verbesserte Klarinetten-Applikatur nicht automatisch für das Bassetthorn übernommen wurde. Hinzu kam, dass der Klang des Bassetthorns grundsätzlich zu leise fürs romantische Orchester war.

Erst die Komponisten des 20. Jh. wie z.B. Karl Heinz Stockhausen (1928 – 2007) in seiner Oper „Licht“ oder Bernd Alois Zimmermann (1918 – 1970) haben das Bassetthorn für ihre Musik wiederentdeckt. Im Bereich des Jazz oder der Improvisation verwendet nach meinen Kenntnissen nur der italienische Klarinettist Gianluigi Trovesi das Bassetthorn. Im Bereich Klezmer-Weltmusik ist dieses Instrument bisher kaum zum Einsatz gekommen. So sind musikalische Experimente gefragt. Ich bin neugierig, die vielen klanglichen Möglichkeiten meines neuen Instrumentes, dem Bassetthorn, auszuloten.

Quelle: Hans Jürgen Schaal – Das Bassetthorn, Klang der melancolie

Zwischen den Welten, Orgel trifft Klarinette

Hallo Zusammen,

Zwischen den Welten, Orgel trifft Klarinette,

hieß unser Programm, das ich am 13.10.19 gemeinsam mit dem Organisten des Altenberger Doms Rolf Müller, im Altenberger Dom, aufgeführt habe.

Zu hören waren Orgelmusik aus Renaissance und Frühbarock in der Begegnung mit freien Improvisationen.

So etwas Intensives hätten sie noch nie gehört, die Orgel-Klarinettenimprovisation am Schluss war wie Filmmusik, so einige Zuhörer.

Für mich war es wirklich inspirierend, die zarten und kraftvollen Klangvariationen der Orgel musikalisch mit zu gestalten – und das in den ehrwürdigen Altenberger Dom.

Lieber Rolf Müller, vielen lieben Dank dafür.

Reinald Noisten

Weitere Eindrücke:

Klarinette trifft Daf trifft Derwisch

Hallo zusammen,

letzten Sonntag am 1.9.19 gab es in Siegburg, im Stadtmuseum endlich mal wieder ein Konzert mit dem Programm Klarinette trifft Daf trifft Derwisch, mit Syavash Rastani an Dombak und Daf, dem Derwischtänzer Talip Elmasulu und mir.

Es waren 150 Zuhörer da, eine ganze Menge, bei so einer speziellen musikalischen Zusammenstellung von Trommel und Klarinette und Derwischtanz. Diese Kombination zwingt einen direkt zur Meditation und zum Zuhören. Das Publikum konnte das; es war wirklich ein intensiver, berührender Abend – Danke

Reinald Noisten

Credit: Claudia Arndt, Archiv des Rhein-Sieg-Kreises

 

Inzwischen hat uns der Kölner Stadtanzeiger eine sehr lesenswerte Pressekritik zum Konzert zur Verfügung gestellt:

 

Filigranes Spiel der Rhythmen Klarinette und Daf-Trommel begleiteten den Derwisch-Tanz im Stadtmuseum
von Markus Peters

Siegburg. Mit seiner Trommel kann Syavash Rastani Geschichten erzählen. Den Auftritt im Stadtmuseum begann der Deutsch-Iraner damit, dass er behutsam und kaum hörbar mit den Fingerkuppen über das Fell der Tombak, einer traditionellen persischen Trommel, strich. Langsam entwickelte sich daraus eine rhythmische Struktur, ein Motiv, das immer mehr verdichtet wurde. Außer dem Fell wurde auch der Korpus der kegelförmigen Trommel bespielt, im Rhythmus wurden unterschiedliche Tonhöhen abgerufen, wobei es auf das Fingerspitzengefühl ankam. Denn wie beim Klavierspiel hat auch bei der Tombak jeder einzelne Finger seine genau festgelegte Funktion. So entwickelte sich das filigrane Spiel zu einem komplexen Hörerlebnis, das die Zuhörer des Konzerts „Derwisch trifft Daf– Daf trifft Klarinette– Klarinette trifft Daf trifft Derwisch“ im nahezu ausverkauften Foyer des Stadtmuseums staunen ließ.

Schwermut und Lebensfreude
Mit einem achtminütigen Solo auf der Bassklarinette hatte der Wuppertaler Solist Reinald Noisten das Konzert eröffnet, bei dem er den ganzen Schwermut des Instruments in den Mittelpunkt des Vortrags stellte. Lange getragene Töne und kompakte Läufe boten all das, was man gemeinhin mit dem Instrument verbindet; einen Eindruck, den Noisten nur Minuten später konsequent brach: Da präsentierte er sein Instrument keck, selbstbewusst und voller Lebensfreude. Immer wieder spürt der 50- jährige Klezmer-Spezialist die musikalische Schnittmenge zwischen jiddischem Lied, christlichem Kirchenlied und Sufimelodien auf, jener spirituellen, weltoffenen islamischen Philosophie, die auch in der westlichen Welt viele Anhänger hat. Seit drei Jahren arbeitet er mit Syavash Rastani zusammen, der auch die Daf spielte – „nicht die Automarke“, wie Noisten rasch klarstellte. Vielmehr handelt es sich um eine arabische Rahmentrommel, die an ein übergroßes Tamburin erinnert. Sie scheint nicht die melodische Bandbreite der Tombak zu haben, liefert aber noch komplexere rhythmische Varianten und ist wichtiger Teil der Sufimusik, ebenso wie die Rohrflöte Ney, die bei dem Konzert durch Noistens Klarinette ersetzt wurde. Beide Musiker spielten sich bei ihren Improvisationen die Bälle zu, so dass die einzelnen Stücke eine geradezu hypnotische Wirkung erzielten, der Ansatzpunkt für den dritten Mitwirkenden Talip Elmasulu. Der türkische Fernseh- und Theaterschauspieler war in einen Sufi-Orden eingetreten und hatte dort die Kunst des Derwischtanzes erlernt. Der auf frühe islamische Mystiker basierende Drehtanz soll die spirituelle Reise des Gläubigen zu Gott verkörpern. Und so wurden die Zuschauer Zeugen, wie sich Elmasulu in die komplexen musikalischen Bilder versenkte und sich anschließend mehr und mehr zu drehen begann, wobei das markante Gewand flatterte. So bekam das Publikum einen intensiven Eindruck, wie sich Musik und Tanz zusammenfügten und welch ein enormer Aufwand an Kraft und Konzentration für diese außerordentliche Darbietung erforderlich ist.

 


Ensemble Noisten: Projekt zu Beethoven 2020

Hallo zusammen,

diesmal geht es um Beethoven 2020. Nächstes Jahr feiert die Musikwelt den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens – und ich bin mit meiner Band “Ensemble Noisten” dabei. Wir werden in diesem Rahmen ein gemeinsames Projekt mit dem Sinfonieorchester Wuppertal umsetzen, bei dem wir am 5. Juni 2020 seine 6. Sinfonie, die Pastorale, mit unserer Musik umspielen und kommentieren.

Ich freue mich jetzt schon riesig! Weitere Informationen findet man auf dem Blog meiner Band–Webseite:

Improvisierte Musik – wer bucht so etwas?

Improvisation bedeutet, etwas aus dem Stehgreif dar – und herzustellen.

In der Musik kann die Improvisation als eine Art „Ad hoc Komposition“ bezeichnet werden, wobei diese „Ad hoc Komposition“ nur einmal produziert und erlebt werden kann. Der Musiker verarbeitet während seines Auftritts quasi seine Jetzt – Erfahrung, wie z. B. die Akustik des Raumes, seine eigene Stimmung, seine musikalischen Kenntnisse, die Musik seiner Mitmusiker und die Stimmung im Zuschauerraum. Ein formales Prinzip wird nebensächlich oder entwickelt sich von alleine. All das macht improvisierte Musik so interessant und lebendig. Wobei ich finde, dass eine fundierte klassische Ausbildung am Instrument von Vorteil ist, man sollte sich nur von ihr befreien.

Der Veranstalter, der so eine Konzertform, wie z. B. das Projekt „Long Clarinets, short stories“ oder unser „Chor + Klarinetten“ Konzert bucht, kann sicher sein, ein außergewöhnliches Hör- und Klangerlebnis zu erhalten. Zu beachten gilt, dass für so eine Konzertform die Wahl des Veranstaltungsortes von Bedeutung ist. Damit meine ich nicht nur die bereits angesprochene Akustik des Raumes, sondern vor allem eine inspirierende Atmosphäre des Veranstaltungsortes.  Das können sowohl eine Kirche als auch ein Fabrikgelände sein, der Veranstaltungsraum kann sachlich, verspielt oder sakral wirken. Doch auf jeden Fall sollte er inspirieren. In Sachen Akustik sollte der Raum den Klang in seiner Klarheit tragen können – mehr Hall ist besser als zu wenig.

Improvisation in Literatur, Theater oder Film

Bei literarischen Programmen oder Theaterstücken kann die improvisierte Musik gerade auf der Klarinette mit ihren vielseitigen klanglichen und dynamischen Möglichkeiten entsprechenden Inhalte begleiten, ergänzen oder sie kann Teil des Gesamtprogrammes sein. So können Stimmungen und Bilder eines Gedichtes oder Prosatextes weiterleben und der Zuhörer kann seinen aufkommenden Gedanken und Gefühlen nachgehen. Möglich ist auch, dass entstandene Gedankenbilder und Emotionen zu Ruhe kommen und Raum für Neues entsteht.  Auf diese Weise lässt sich live oder auch bei Hörbuchproduktionen die Intensität der Programme steigern. Während eines Theaterstückes können über die Improvisation szenische Dialoge musikalisch vertieft werden oder einzelne Szenen verknüpft werden. Bei Film und Video sind es die Farben und Emotionen der Bilder, die durch die musikalische Begleitung der Improvisation wunderbar verstärkt werden können.

Improvisation und Interkultur

Eine “Interkultur” entsteht durch den Prozess, wenn mindestens zwei Kulturen aufeinander wirken, die die in Interaktion oder Kommunikation miteinander stehen. In meinem Fall ist es die improvisatorische Auseinandersetzung mit der jüdischen, der Islamischen und der christlichen Religionskultur. Als Beispiel kann hier unserem Projekt „Klarinette trifft Daf trifft Derwisch“ angeführt werden. Hier schafft eine Annäherung an Klezmer- und Sufimusik aus dem Islam und mittelalterlichen Kirchenmusik, der Gregorianik, Verbindungen und Räume für Begegnung. Gleichzeitig wird so auf Ähnlichkeiten und auch Unterschiede der Musikkulturen hingewiesen.

All das kann Improvisation leisten. Sie ist frei und kann unterschiedlichen kulturellen Programmen dienen und Gestaltungsprozessen jeglicher Art durch ihre spielerischen und kommunikativen Möglichkeiten begleiten und unterstützen.

Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel in der Konzertkirche Neubrandenburg

Hallo zusammen,
ich war letzten Sonntag, den 28.4.19, mit meiner Band und Organist, Derwisch und Neyflötist in der Konzertkirche Neubrandenburg zu Gast.
Wir spielten unser Programm Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel.

Dieses Konzerterlebnis wirkt immer noch nach. Es war wahrhaftig ein Highlight, der Konzertsaal außergewöhnlich, diese wunderbare Orgel zum gemeinsamen Musizieren ein Geschenk und die Begeisterung der fast 600 Zuhörer überwältigend.

Eine Pressekritik findet sich auf Webseite meiner Band www.ensemble-noisten.de.